“How people treat you is their karma, how you react is yours.” – Wayne Dyer

Wenn mich jemand sprachlich angreift oder mit einem unhöflichen Satz überrumpelt, brauche ich Zeit, um die richtige Antwort zu formulieren. Leider hat man diese Zeit üblicherweise nicht zur Verfügung, denn das Zeitfenster für eine schlagfertige Antwort, die ihre Wirkung erzielt, bleibt maximal ein bis zwei Sekunden geöffnet. Das Ergebnis ist daher viel zu häufig, dass ich perplex und gedemütigt dastehe und mich maßlos ärgere – einerseits über das Verhalten meines Gegenübers, andererseits über mich selbst, weil ich mich auf diese Art behandeln lasse.

Ob sarkastische Bemerkungen, Anfeindungen oder unangenehme Ereignisse: Schlagfertige Menschen haben in jeder Situation sofort eine gute Antwort parat und können überraschende Momente deshalb viel besser meistern als solche Menschen, denen es an Schlagfertigkeit fehlt. Ich darf mich leider nicht zur ersten Sorte zählen, vielmehr bin ich der Typ Mensch, dem eine passende Reaktion erst einfällt, wenn er 15 Minuten später allein durchs im Treppenhaus geht. Umso kälter erwischt es mich, wenn Kollegen in mein Büro kommen und ohne mit der Wimper zu zucken ihre Unarten oder ihre schlechte Laune an mir auslassen.

Nicht direkt die richtige Antwort parat zu haben ist okay – und normal

In solchen Situationen nicht direkt die richtige Antwort parat zu haben, ist vollkommen okay und vor allem normal. Nicht jeder Mensch ist schlagfertig und nicht jeder Mensch, der schlagfertig ist, ist es immer gewesen. Schlagfertigkeit ist eine Eigenschaft, die man üben kann – und jede Erfahrung macht uns reicher. Bis sich Besserung einstellt, helfen kleine Tricks und antrainiertes Verhalten, sich in Momenten des Überfalls notwendige Zeit zu verschaffen.

Zuallererst aber sollte man sich die Frage stellen, was für ein Mensch man sein möchte. Obwohl ich in extrem stressigen Situationen, in denen manipulative Menschen versuchen, mich für ihre Zwecke aus dem Konzept zu bringen, kurzzeitig dazu neige, mich auf ebendieses Niveau herunterzulassen, versuche ich immer ein Motto im Blick zu behalten: „Don’t handle rudeness with rudeness“. Manchmal erscheint es als der einfachste Weg, auf unhöfliche Bemerkung ebenso unhöflich zu reagieren, das macht es aber nicht zum richtigen. Vor allem in den letzten Jahren stelle mir immer häufiger die Frage, was für ein Mensch ich sein möchte. Derjenige, der einer fremden Person die Tür aufhält und ihr so einen kurzen Moment des Glücks beschert? Oder derjenige, dessen Ärger auf sich selbst und seine Umwelt so groß geworden ist, dass ihm nur noch Linderung verschafft, seinen Frust an jemand anderem abzulassen. Oder ganz konkret: Was für ein Mensch möchte ich sein? Derjenige, der die Welt zum Guten verändert oder zum Schlechten?

Acht Tipps für den besseren Umgang mit unhöflichen Personen

Erst, wenn ich weiß, was für ein Mensch ich sein möchte, kann ich mir Strategien überlegen, um mit Anfeindungen oder Überrumpelungen umzugehen. Da du bis hierhin gelesen hast, gehe ich davon aus, dass auch du die Frage eindeutig für dich mit „zum Guten“ beantworten konntest. Ich möchte dir ein paar Ideen und Gedanken mit auf den Weg geben.

  1. Observiere, anstatt zu absorbieren. Baue eine unsichtbare Glaswand zwischen dir und deiner Umwelt auf und mache dir klar, dass dir die negativen Energien anderer Menschen nur dann etwas anhaben können, wenn du es auch zulässt. Sei dir darüber bewusst, dass unhöfliches Verhalten anderer dir gegenüber in der Regel nicht deine eigene Schuld ist, sondern in der Natur deines Gegenübers begründet liegt. Lasse dich nicht von Kritik treffen, die nur den Zweck verfolgt, dich zu verletzen oder zu demütigen. Überlege immer, was über dein Gegenüber aussagt, dass es sich so verhält, wie es sich verhält.
  2. Wann immer es dir möglich ist: Ignoriere die Person, die dich anfeindet. Du bist niemanden zu einer Antwort verpflichtet. Ich setze das vor allem in der Öffentlichkeit um. Als junge Frau gerate ich immer wieder in Situationen, in den mich wildfremde Menschen kritisieren oder beleidigen oder versuchen, mich öffentlich zu demütigen. Wenn es dir schwer fällt, nicht zu reagieren, und die Situation es erlaubt, gehe weg. Niemand hat das Recht, dich zu behandeln.
  3. Vor allem im beruflichen Umfeld ist Weggehen oft leider keine Alternative. Menschen, die dir im Job das Leben schwer machen, werden durch Flucht eher angestachelt als besänftigt. Angriff ist in diesem Fall, so plump das auch klingen mag, die beste Verteidigung. Lege dir für solche Situationen Sprüche bereit, die universell einsetzbar sind, zum Beispiel „Hast du mich gerade wirklich gefragt, ob …“, „Ich bin sicher, das war nicht unhöflich gemeint, aber für mich klang es so“ oder etwas schärfer: „Erwartest du auf diese unhöfliche Aussage wirklich eine Reaktion von mir?“. Sprich offen aus, dass du das Verhalten deines Gegenübers als unangemessen empfindest und benenne das Fehlverhalten klar. Überschreitet dein Gegenüber eine Grenze, die dir unangenehm ist, darfst auch du die Spielregeln anpassen, zum Beispiel so: „Ich denke, das Gespräch ist jetzt beendet.“
  4. Situationen, in denen der Ton nicht ganz so rau ist, kannst du oft mit ein wenig Übung unter Kontrolle behalten. Nicht schlagfertige Menschen in eine für sie unangenehme Situation zu drängen, das eventuell sogar vor anderen Anwesenden, ist ein Zeichen von Manipulation und soll Macht demonstrieren. Ein Trick, den ein Coach mir einmal beibrachte, war, in solchen Situationen einfach direkt zu antworten. „Ja“, „nein“, „Kommt drauf an“ – egal was, auch eine falsche Antwort ist eine Antwort. Korrigieren kann man sie später immer noch. So aber gewinnst du etwas Zeit, nimmst das Gespräch an dich und bringst gleichzeitig dein Gegenüber aus dem Konzept. Außerdem schulst du deinen Kampfinstinkt. Alternativ kannst du dir auch extra Zeit lassen und eine Entscheidung mit „Ich denk mal drüber nach“ erst einmal von dir wegschieben. Ich nutze diese Taktik gern in Situationen, in denen ich befürchte, dass eine übereilte Antwort zu einem schlechteren Ergebnis führt. (Also eigentlich immer.)
  5. Auch mit Fragen kann man für sich wertvolle Zeit gewinnen, weil der Ball zum Gegenüber zurückgespielt wird. Ganz simple Fragen wie „Wie kommst du da denn jetzt darauf?“, „Kannst du mir bitte erklären, worauf du hinaus willst?“ oder „Was genau ist der Hintergrund deiner Frage?“ sind einfach zu verinnerlichen, was es wiederum einfacher macht, sie im richtigen Moment abzurufen.
  6. Wenn bei einer verbalen Attacke die Kehle trocken wird und der Kopf den Dienst versagt, kann es helfen, sich körperlich zu schützen. Bewusstes Schweigen, während man den Blick seines Gegenüber hält, zwingt den Angreife dazu, über das, was er gesagt hat, nachzudenken. Schweigen wirkt in diesem Fall wie ein Spiegel und hat nicht selten den Effekt, dass der Angreifer plötzlich zurückrudern und sich sogar gleich entschuldigt. Dieses Verhalten funktioniert übrigens auch ohne Blickkontakt, also, wenn man am Telefon beschimpft wird. Ein süffisantes Lachen hat einen ähnlichen Effekt. Es wirkt allerdings weniger spiegelnd, sondern mehr wie ein Schild. Es ruft im besten Fall Verunsicherung beim Gegenüber hervor.
  7. Immer wieder erlebe ich Menschen, die eine Person aufgrund ihres Verhaltens oder Charakters angreifen und sie, sobald sie beginnt, sich zu verteidigen, noch einmal demütigen – mit dem einfachen Satz „Du brauchst dich jetzt nicht rechtfertigen“. Wenn dir jemand auf diese Art über den Mund fährt, fordere vehement Redezeit ein („Lass mich bitte zu Ende sprechen“, „Ich würde jetzt gern meinen Satz beenden oder „Ich rede gerade.“) und dann verteidige dich. Führe deine Argumente auf und lass dir nicht einreden, du hättest kein Recht, dich zu verteidigen, wenn du angegriffen wird. Eine Person daran hindern zu wollen, ist wiederum ein Versuch, ein Machtgefälle herzustellen.
  8. Viele Situationen wiederholen sich immer und immer wieder. Also kannst du aus ihnen lernen und dir passende Antworten, sobald sie dir einfallen, merken, um sie später zu verwenden. je häufiger, du sie im Kopf benutzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie dir einfallen, wenn die sie brauchst. Denn auch Menschen, die ein großes Wissen und einen großen Wortschatz haben, sind nicht automatisch schlagfertig sein. Denn vielen Menschen fällt es schwer, dann auf dieses vielfältige Wissen zuzugreifen, wenn sie es benötigen.