In welchem Alter sich das Raynaud-Syndrom in mein Leben geschlichen hat, kann ich heute nicht mehr sagen. Meinen ersten Schub muss ich etwa zu Beginn meiner Zwanziger erlebt sein. Was ich sehr wohl noch weiß, ist, dass es mir große Angst einflößte. Trotz meiner dicken Handschuhe färbten sich meine Finger kalkweiß, wurden eiskalt und taub. Jedes Gefühl daraus verschwand. Die Bewegungsfähigkeit schränkte sich ein, erst langsam und dann plötzlich ganz schnell, sodass die Finger steif waren und die Glieder sich kaum noch bewegen ließen. Noch unangenehmer wurde es, als die Wärme zurückkehrte. Als ich einen geheizten Raum betrat, kam nicht nur die Farbe wieder – die Finger färbten sich knallrot –, sondern sie hatte auch den Schmerz im Gepäck. Die Finger pulsierten heftig und schwollen an.

Jeder Mensch kommt im Laufe seines Lebens mehrfach mit einer Grippe in Berührung. Deshalb fällt es uns einfach, die Symptome zu erkennen und selbst eine Diagnose zu stellen. Ob das Bein verstaucht oder nur geprellt ist? Gute Frage, da wird die Eigendiagnose schon schwieriger. Und mit noch selteneren Krankheitsbildern ist das eben so eine Sache. Was da genau mit meinen Händen passierte, erschloss sich mir von allein einfach nicht. Leider ging es meinem damaligen Arzt in diesem Punkt nicht besser. Organisch sei alles in Ordnung, klärte er mich auf. Und auch das Blutbild lasse nichts Ungewöhnliches vermuten. Meine Sorge, die Durchblutung der Finger würde eines Tages gar nicht mehr zurückkehren, wischte er vom Tisch. Das könne nicht passieren. So ging ich halbwegs beruhigt, aber ohne Diagnose nach Hause.

Das Raynaud-Syndrom hat viele Namen

Ein Zeitsprung. Viele Jahre später habe ich mich damit arrangiert, dass ich schnell und häufig friere und den ganzen Herbst und Winter unter extrem kalten Fingern leide. Im Büro schütze ich meine Hände im Winter oft mit Handschuhen, um ohne Einschränkungen arbeiten zu können. Während andere Frauen noch offene Schuhe tragen, verabschiede ich mich bereits von kurzen Socken und ziehe zum ersten Mal lange an, damit die Knöchel nicht freiliegen. Und wann immer ich einen Eisbecher in die Hand nehme, werden meine Finger steif und kalkweiß. Immer häufiger auch im Frühling und im Sommer. Die Frage nach dem Warum habe ich mir schon lange nicht mehr gestellt.

Dann, auf dem Weihnachtsmarkt, als ich vor Steifheit der Finger kaum noch meinen Becher Glühwein halten kann, sagt eine Verwandte meines Freundes den entscheidenden Satz: „Ach, hast du das auch?“ Sie klärt mich darüber auf, dass ich unter dem Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud, Raynaud-Phänomen) leide, das im Volksmund auch unter der unangenehmen, aber treffenden Bezeichnung Leichenfinger bekannt ist. Und plötzlich hat das Kind einen Namen.

3 bis 7 Prozent der Deutschen sind betroffen

Zuhause lese ich mich in das Thema ein und erfahre, dass das Raynaud-Syndrom eine Gefäßerkrankung mit anfallsartigen Gefäßkrämpfen ist. Immerhin mit 3 bis 7 Prozent der Deutschen teile ich mir das Schicksal der Weißfingerkrankheit, finde ich heraus, größtenteils mit Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Frauen machen 90 Prozent der Betroffenen aus.

Das Raynaud-Syndrom verläuft immer in drei Phasen: In der ersten ziehen sich die Gefäße zusammen und die Haut wird weiß. In Phase Nummer zwei kehrt das Blut langsam zurück und die Haut nimmt einen bläulichen Ton an. In der letzten Phase kommt es zur überschießenden Blutfüllung, sodass die Finger rot werden und pulsieren. Die drei Phasen werden in Anlehnung an die französische Flagge auch als Trikolore-Phänomen bezeichnet.

Zusammenhang mit Hypotonie ist denkbar

Experten vermuten, dass das Raynaud-Syndrom mit chronisch niedrigem Blutdruck zusammenhängt. Darauf weist auch hin, dass es bei vielen Frauen, die in ihrer Jugend unter Hypotonie leiden, mit zunehmendem Alter nachlässt oder verschwindet. Denn dann steigt oft auch der Blutdruck an. Mit etwas Glück wird mein unangenehmer Begleiter sich also verabschieden, sobald ich in die Wechseljahre komme. Bis dahin „freue“ ich mich weiter über steife Finger im Winter, die feinmotorische Arbeiten minuten- bis stundenlang schwierig bis unmöglich machen. Eine medizinische Behandlung des Raynaud-Syndrom ist in den wenigsten Fällen notwendig, weil der Leidensdruck vergleichsweise klein ist und auch keine Folgeschäden zu erwarten sind, solange es sich um das primäre Raynaud-Syndrom handelt. Tritt das Syndrom von einem auf den anderen Tag ein und das bereits in höherem Alter, sollten mit der Hilfe eines Arztes vorsichtshalber gefährliche Ursachen ausgeschlossen werden.

Eine medizinische Behandlung wird in der Regel nicht angestrebt. Wichtiger ist, sich mit Hilfsmitteln und Tricks den Alltag einfacher und angenehmer zu gestalten – und eventuell den nächsten Ausbruch hinauszuzögern oder zu verhindern. Ich habe mir über die Jahre ein Repertoire solcher Tricks erarbeitet.

Handschuhe helfen gegen das Raynaud-Syndrom

Acht Dinge, die das Leiden lindern

1. Wärme ist das A und O, um dem Raynaud-Syndrom vorzubeugen. Besser, als die Hände oder Füße aufzuwärmen, wenn sie kalt sind, ist, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen: Handschuhe ziehe ich daher bereits an, bevor ich das Haus verlasse. Der Schal ist ab dem Spätsommer mein ständiger Begleiter, in Herbst und Winter auch, wenn ich mich in beheizten Räumen befinde. Wenn ich Rad fahre, gehören Handschuhe zur Grundausstattung, allerspätestens ab dem Frühherbst.

2. Ich besitze unterschiedliche Handschuhe, jedes für bestimmte Jahreszeiten oder Anlässe. Am Ende des Sommers trage ich erstmals Handschuhe, wenn ich auf den Fahrrad unterwegs bin. Der Fahrtwind lässt die Hände schnell auskühlen. Ich starte dann mit dem Tragen dünner (Seiden-)Handschuhe, die vor allem dem Zweck dienen, den Wind abzuschirmen. Im Herbst tausche ich die Seidenhandschuhe erst gegen dünne, dann bald gegen dicke Wollhandschuhe. Im Winter, wenn klirrende Kälte das Land im Griff hat, trage ich zeitweise zwei Paar übereinander. Als untere Schicht eignen sich wieder die Seidenhandschuhe. Auch wenn es die Motorik einschränkt, zum Beispiel beim Hantieren mit Schlüsseln: Fäustlinge halten die Wärme der Finger und der Hand besser als Fingerlinge.

3. Raynaud-Betroffene, bei denen die Durchblutungsstörung vor allem in den Händen auftritt, vergessen oft, die Füße zu wärmen und warmzuhalten. Durch die Verbindung zum Boden kriecht die Kälte schnell durch die Füße und Beine in den ganzen Körper. Schuhe mit festen und dicken Sohlen und dicke Socken, im tiefen Winter auch mal zwei Paar übereinander, können das relativ lang verhindern. Freiliegende Knöchel hingegen sind das perfekte Einfallstor für die Kälte.

4. Für die Arbeit im Büro eignen sich Handschuhe ohne Fingerspitzen oder – wenn man damit gut arbeiten kann – komplett geschlossene Seidenhandschuhe.

5. Grundsätzlich gilt: immer den vollständigen Körper warmhalten. Ist er einmal ausgekühlt, dauert es ewig, bis er wieder warm wird. Ich trage deshalb immer lange Oberteile unter dem Pullover (zwei Stück gibt’s für 20 Euro bei H&M oder Vero Moda) oder Nierenwärmer. Geeignet ist, was lang genug ist, um den Schlitz zwischen Hose und Oberteil zu schließen, und eng an den Handgelenken anliegt.

6. Die meiste Wärme geht über den Kopf verloren. Mützen – auch dünne – sind daher perfekt, um den Körper warmzuhalten. Ich setze auf Wollmützen. Besonders gern trage ich persönlich Mützen von Barts.

7. Vor allem draußen, zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt, aber auch drinnen sind warme Getränke in der kalten Jahreszeit für mich ein Muss. Tee wärmt von innen und, wenn man ihn in der Hand hält, auch von außen. Besser geht’s nicht.

8. Im tiefen Winter, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind, bleiben eigentlich nur noch Thermohandschuhe und Heizkissen, die sich durch den Knick eines Metallplättchens aktivieren lassen. Und dann hoffen, dass der Frühling nicht zu lange auf sich warten lässt.

Mehr zum Thema

In der ZDF Mediathek gibt es bis zum 18.01.2018 eine Reportage über das Raynaud-Syndrom.