„Leave an extrovert alone for two minutes and he will reach for his cell phone. In contrast, after an hour or two of being socially „on,“ we introverts need to turn off and recharge. My own formula is roughly two hours alone for every hour of socializing. This isn’t antisocial. It isn’t a sign of depression. It does not call for medication. For introverts, to be alone with our thoughts is as restorative as sleeping, as nourishing as eating. Our motto: „I’m okay, you’re okay — in small doses.“

Quelle: „Caring for Your Introvert“, Jonathan Rauch, theatlantic.com

Mein Schlüsselerlebnis war ein schulinternes Fußballturnier Ende der 90er-Jahre. Der Nachmittag war für unsere Schule ein regelrechtes Großereignis; rund um die Felder drängten sich Schüler, Lehrer und die Bewohner des angegliederten Internats. Von den Fünftklässlern bis zu den Abiturienten: Fast alle waren gekommen, um ihre Teams anzufeuern und gemeinsam zu feiern. Irgendwo in der Mitte: ich – mit jubelnden Freundinnen und grölenden Klassenkameraden.

Es war ein aufregender Tag – aber bald fühlte ich mich ausgelaugt von Lärm, Energie, Enge und Hitze. Irgendwann merkte ich, wie die Menschen um mich herum mir zu viel wurden. Ich verabschiedete mich und verließ zielstrebig die Halle. Einfach raus! Auf einer Bank in der Sonne, nicht weit von der Halle entfernt, las ich in meinem Buch. Nach einer halben Stunde ging es mir besser.

Als introvertierter Mensch brauche ich sehr viel Zeit für mich und fühle mich in großen Gruppen schnell unwohl. Mit reizbaren Menschen, die ihre Launen nicht im Griff haben, kann ich nicht gut umgehen, weil ich ihre Stimmungen aufsauge wie ein Schwamm. Gleichzeitig scheue ich den Konflikt mit ihnen, weil sie mir unberechenbar erscheinen. Konflikte offen anzusprechen und aus dem Weg zu räumen, fällt mir nur bei Menschen leicht, die mir nahestehen, mich gut kennen und mein volles Vertrauen genießen.

Allein-reisen-4

Plötzlich fehlt die Routine

Das Verreisen ist für mich einer der wunderbarsten Aspekte des Lebens, aber für einen introvertierten Menschen ist Urlaub auch immer eine Ausnahmesituation. Zum einen entfallen plötzlich die Routinen, die man im Alltag so dringend benötigt und sorgsam pflegt, um seine Kräfte zu schonen. Körperliche und seelische Ruhepausen und Zeit für sich allein, – zum Beispiel in der Natur oder dem eigenen Zimmer: Im Urlaub ist beides kaum möglich, ohne dass man bei seinen Mitreisenden ungesellig erscheint. Stattdessen drohen bei einem mehrtägigen Urlaub Smalltalk, Gruppenunternehmungen, lange Mahlzeiten und Geselligkeit im Dauerfeuer. Allein beim Gedanken daran steigt bei mir der Stresspegel in die Höhe.

Zum anderen ist da die räumliche Enge. Ob ich mit einer Freundin oder einer großen Gruppe meinen Urlaub verbringe: Ich bin so gut wie nie allein. Wer jeden Abend früh ins Bett geht oder sich regelmäßig von den Mitreisenden trennt, um ein bisschen allein zu sein, Kraft zu tanken, macht sich auf Dauer keine Freunde. Ich spreche da aus Erfahrung. Und wo Menschen viel Zeit miteinander verbringen, da entsteht mit der Zeit Reibung. Mich diesem Stress auszusetzen, ist für mich nicht mit vielen meiner Freunde denkbar. Die wichtigste Voraussetzung ist, dass mein Mitreisender seine eigenen Handlungen reflektieren kann und nicht launisch ist – zwei Eigenschaften, die manchen Personen in meinem Umfeld leider fehlen.

Schmerzlich gelernt habe ich diese Lektion, als ich vollkommen ermattet von einem einwöchigen Trip mit einer Freundin zurückkehrte. Diese Tage, eigentlich zur Erholung von einem stressigen Arbeitsjahr gedacht, zehrten so sehr an meinen Kräften, dass ich schon nach zwei Tagen am liebsten auf eigene Kosten abgereist wäre. Als weitere fünf Tage später meine Wohnungstür hinter mir ins Schloss fiel, hatte ich das Gefühl, noch nie so stark Urlaub vom Urlaub gebraucht zu haben. Unsere Beziehung zueinander war für lange Zeit angespannt. Richtig erholt hat sie sich danach nie wieder.

Meine introvertierte Art ist der Grund, aus dem der Pool an Menschen, mit denen ich gerne und entspannt Zeit verbringe, immer überschaubar geblieben ist. Das gemeinsame Verreisen ist eine zusätzliche Belastungsprobe, die ich nicht jeder Freundschaft zutraue – immer auch aus der Angst heraus, Menschen, die mir wichtig sind, durch den Urlaub zu verlieren. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die ich ohne Pause um mich haben kann, ohne dass mein Akku darunter leidet. Mein Freund ist einer davon. Was das gemeinsame Reisen als Paar betrifft: Meine stark eingeschränkten Urlaubszeiten und seine berufliche Belastung ließen das in den vergangenen Jahren leider kaum zu.

Allein-reisen-3

2015 will ich mich dem Thema nicht stellen

Als der Sommer 2015 sich nähert, schiebe ich das Thema Urlaub wochenlang vor mir her. Wann immer ich mich meine Möglichkeiten abwäge, keimt ein Gedanke in mir auf: Am liebsten würde ich den ganzen Sommer zu Hause verbringen. Wandern, Freunde treffen, ins Schwimmbad gehen, von Tag zu Tag entscheiden, wonach mir der Sinn steht. Meine Alleinzeiten pflegen und bloß von niemandem abhängig sein. Aber ich liebe das Reisen. Und die nächste Gelegenheit dazu werde ich erst elf Monate später haben. Zu Hause zu bleiben ist also keine Option. Ich erwäge, noch mal eine Freundin zu fragen, diesmal eine andere. Eventuell vorher viel intensiver über Reisegewohnheiten zu sprechen, das Problem klar zu benennen, eventuell sogar getrennte Zimmer zu buchen. Aber die schlechte Erfahrung des vergangenen Sommers sitzt mir noch immer in den Knochen.

Als der Blick in den Kalender mahnt, dass die Zeit drängt, stelle ich mich einer weiteren Alternative: zum ersten Mal in meinem Leben ganz allein zu verreisen. In einem feministischen Blog lese ich den Erfahrungsbericht einer jungen Frau, die seit vielen Jahren ohne Gesellschaft die Welt erkundet. Sie genieße, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen, schreibt sie, und ohne Einschränkungen ihrem persönlichen Tempo folgen zu können. Wolle sie etwas sehen, bleibe sie stehen, ohne sich jemandem erklären zu müssen. Museen interessieren sie nicht, gibt sie offen zu, lieber wandere sie durch Mooslandschaften oder nehme sich Zeit zum Fotografieren. Ihre Urlaube nennt sie auch ihre Selbstfürsorge, ihre Fluchten. In jeder Zeile des Textes finde ich mich wieder.

Eine gute Freundin, die erst wenige Monate zuvor ohne Begleitung in ein Sport-Ressort in Marokko geflogen ist, spricht mir Mut zu. Eine tolle Erfahrung sei das gewesen, und allein sei man ohnehin nie. „Ich glaube, das passt auch zu dir.“ Ich nicke und nehme mir vor, all meinen Mut zusammen zu nehmen. Meine Entscheidung fällt.

Mit dem „Wohin?“ beschäftige ich mich am längsten. Mitleidige Blicke brauche ich nicht, möchte ich nicht. Mir erscheint es einfacher, alleine zu einer Wanderung durch die Natur aufzubrechen, als mich alleine an den Pool oder den Strand zu legen. Da seit Langem ein Wanderurlaub in den Alpen auf meiner Bucket List steht, entscheide ich mich für Österreich. Dass der Urlaubsort feststeht, gibt mir zusätzliche Motivation und bestärkt mich in meiner Entscheidung. Plötzlich fühle ich mich mutig und furchtlos. Aber das Hochgefühl hält nicht lange an. Die Ernüchterung setzt ein, als es darum geht, ein Hotel auszuwählen. Ein Hotel mit einem Einzelzimmer zu finden, und das so kurzfristig, erweist sich als unmöglich. Nachdem sie eine geschlagene Stunde Hotels überprüft hat, schüttelt die Dame im Reisebüro nur noch müde den Kopf. „Nee, die haben auch keine. Tut mir leid.“ Egal in welche Region in Österreich ich reisen will, überall droht mir der Einzelzimmerzuschlag. Alleine zu reisen, aber dasselbe zu zahlen wie ein Pärchen: Das scheint mir ungerecht und auch ein bisschen willkürlich.

Zu Hause klicke ich mich Stunde um Stunde durch das Internet, um ein Angebot zu finden, ohne mich gleich in Unkosten zu stürzen. Ein Hostel in einer großen Stadt? Oder nach vielen Jahren mal wieder zelten gehen, irgendwo in der unberührten Natur? Beide Ideen verwerfe ich sofort wieder. Mein Bedürfnis nach einem Sicherheitsgefühl macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Allein auf weiter Flur im Zelt oder in einem Zehn-Bett-Zimmer im Hostel, und dann auch noch als Frau? Nein danke!

Fast will ich aufgeben, liebäugel zum einhundertsten Mal mit der Idee der Naherholung, da bringt eine kurze Notiz in einem Forum mich auf den richtigen Weg. In Schweden gebe es viele Hotels mit Einzelzimmer, schreibt eine junge Frau. Ich suche – und werde gleich mehrfach fündig. Erst bei mehreren Hotels in Göteborg, als nächstes in der schwedischen Hauptstadt. Diesmal zögere ich nicht lange und buche im späten Frühjahr endlich meinen Sommerurlaub. Ein Einzelzimmer in Stockholm.

Allein-reisen-5

Zum ersten Mal wartet am Flughafen niemand auf mich

Durch meine Arbeit als Journalistin bin zuvor schon oft allein geflogen. Doch im August 2015 ist es anders, denn an meinem Ankunftsflughafen wird zum ersten Mal niemand auf mich warten. Es ist kein Bus gebucht, der mich zusammen mit anderen Leuten – Fremde oder weniger Fremde – ins Hotel fährt. Niemand hält ein Schild mit meinem Nachnamen hoch. Es ist auch niemand da, der gemeinsam mit mir in der Misere steckt, wenn nach einem verspäteten Flug der allerletzte Zug gerade weg ist. Also kümmere ich mich selbst darum, vom Flughafen Stockholm-Arlanda ins fast 40 Kilometer entfernte Stadtzentrum zu kommen. Weil Spontanität nicht zu meinen Stärken zählt und unangenehme Überraschungen nicht in mein ohnehin schon wackeliges Urlaubskonstrukt passen, habe ich vorher recherchiert: Die Zugverbindung ist teuer, die Busfahrten sind günstig und starten direkt außerhalb des Flughafens. Außerdem gibt es im Bus WLAN. Perfekt, um sich kurz zu Hause zu melden – „Bin gut gelandet!“ „Super! Viel Spaß!“ – und ein erstes Foto zu posten. #ankunft #dasabenteuerbeginnt

Auch am Hauptbahnhof angekommen, steht niemand bereit, um mich abzuholen. Wer denn auch? Zu Fuß schlage ich mich mithilfe einer ausgedruckten Karte und dank Auslandstarif zwischenzeitlich mit Google Maps durch bis zu meinem Hotel – in einer Stadt, in der ich zuvor noch niemals gewesen bin, in einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche. Als introvertierter, schüchterner Mensch. Zum ersten Mal bereue ich meine Entscheidung. Es wird nicht das letzte Mal bleiben.

Der erste Tag ist anstrengend. Zu Fuß erkunde ich die Innenstadt Stockholms und erschließe mir mehrere Inseln und Stadtteile. Zwischen meiner Ankunft am Mittag und dem Zubettgehen am Abend lege ich mehr als 20 Kilometer zurück und klappere einen Großteil der Sehenswürdigkeiten der Stadt ab. Die Museen lasse ich vorerst links liegen, Restaurants und Bars auch – es fühlt sich noch komisch an, allein an einem Tisch zu sitzen. Morgen bestimmt, beruhige ich mich selbst. Am Abend gehe ich müde ins Bett, viel früher, als ich es in anderen Urlauben getan habe. Das Abendessen spare ich aus. Ich bin nicht nur kaputt von der Anreise und Fußmarsch, sondern vor allem überwältigt von den Eindrücken, die ich im Verlauf des Tages gesammelt habe.

Allein-reisen-6

Am Abend fühle ich mich wie ein kleines Kind

Die Überwältigung von dieser riesigen, vielfältigen Stadt und die Anstrengung vergrößern sich noch am zweiten Tag, aber erst an Tag drei komme ich dahinter, aus welchem Grund mein Urlaub mich mehr mitnimmt als entspannt. Wieder bin ich zu Fuß unterwegs, außerdem mit dem Rad. Und zum ersten Mal bemerke ich, dass meine Erschöpfung nicht nur körperlicher Natur ist, sondern überwiegend eine geistige. All das, das ich sehe und erlebe, kann ich nicht teilen, nicht besprechen – dass ich Handyfotos nach Hause sende, über Twitter und Instagram meinen Urlaub teile und am Abend per Facetime mit meinem Freund telefoniere, reicht nicht aus, um meine Erfahrungen ausreichend zu verarbeiten. Plötzlich fehlt mir ein Gegenpart, jemand, mit dem ich die Flut an Informationen und Schönem teilen und gemeinsam verarbeiten kann. Am Abend fühle mich wie ein kleines Kind, das erschöpft auf dem Arm der Mutter einschläft, weil der Tag voller unbekannter Eindrücke war.

Erst als mir bewusst wird, dass ich mir zu viel zugemutet habe, zu viele Informationen, zu viele Eindrücke, schalte ich einen Gang zurück, genieße nicht mehr nur Stockholms Attraktionen, Stadtleben, Einkaufsstraßen und Feste, sondern überwiegend seine Parks, Strände, Inseln und Promenaden. Und an diesem Punkt setzt zum ersten Mal die Entspannung ein. Die letzten Tage in Schwedens Hauptstadt genieße ich, indem ich der Entschleunigung einen größeren Zeitanteil einräume als dem Sightseeing, gehe wandern oder laufen, sitze lesend in Cafés oder auf einer der vielen Inseln und finde in der wundervollen, ruhigen Atmosphäre einer grünen Stadt zu mir selbst und zur lange überfälligen Ruhe. „Recharge“ nenne ich das, den Akku aufladen.

Die Mahlzeiten ohne Gesellschaft bleiben bis zur Abreise ein Problem für mich. Für den abendlichen Restaurantbesuch oder einen Absacker allein in einer Bar fehlt mir bis zum letzten Tag das nötige Selbstbewusstsein. Jeden Abend versuche ich, den Mut aufzubringen, spreche mir gut zu. Jeden Abend ziehe ich am Ende den Street Food Truck vor und wandere durch die Stadt, bis ich einen schönen Platz zum Sitzen finde; lese, esse, beobachte, sonne mich. Von Stockholms Nachtleben bekomme ich in den sieben Tagen, die ich in der Stadt verbringe, nicht viel mit. Und das fehlt mir, denn Restaurants, Bars und Diskotheken sind für mich ein ebenso wichtiger Teil eines Urlaubs wie Natur oder Kultur. Ich verlasse Stockholm mit dem Gefühl, nicht alles gesehen zu haben.

Ich bin froh um meine erste Erfahrung des Alleinreisens – und unendlich glücklich, eine so wundervolle Stadt kennengelernt zu haben. Ich weiß, dass ich irgendwann wiederkommen und Stockholm in Begleitung erleben muss. Aber wenn sich die Gelegenheit wieder ergibt, dann weiß ich auch, dass ich keine Angst mehr davor habe, ohne Begleitung zu verreisen. Mein Reiseziel jedoch würde ich beim nächsten Mal anders wählen: Diesmal würde ich wohl keine Großstadt besuchen. Meine nächste Reise allein würde mich vielleicht in ein Ressort mit Sportangebot führen oder auf eine organisierte Gruppenreise, die viel Freizeit für die Reisenden vorsieht. Noch viel lieber ginge meine nächste Reise allein aber in einen Nationalpark oder ein Wandergebiet, also an einen Ort, an dem die Natur dominiert, nicht das gesellschaftliche Leben. Um diese Erkenntnis bin ich reicher – und Stockholm dafür ewig dankbar.

Allein-reisen-7