Es gibt Tage, ja selbst kurze Momente, die dein Leben verändern. Davon war ich immer überzeugt, bin es noch. Ob der 13. Januar 2016 ein solcher Tag war, ob sich mein Leben verändern wird, ob alles, was in den kommenden Jahren passiert, an diesem Tag seinen Anfang genommen hat, das vermag ich in diesem Moment noch nicht zu sagen. Vielmehr ist es ja so, dass sich große, grundlegende Veränderungen erst mit zeitlichem Abstand erkennen lassen. In einem Jahr vielleicht. Oder in zweien. Aber niemals dann, wenn sie geschehen. Im Rückblick aber werde ich wissen, dass es dieser Tag war, der in erbarmungsloser Konsequenz zu diesem und dann zu jenem Ereignis geführt hat. Oder eben nicht, wer weiß?

Genug des Pathos. Vielleicht hat der 13. Januar 2016 mein Leben nicht verändert oder vielmehr: nicht langfristig. Unbestritten ist aber, dass ich ihn so schnell nicht vergessen werde. Und das, obwohl es ein wenig spektakulärer Tag war, bis am Nachmittag eine E-Mail in meinem Postfach eintrudelt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Kooperationsanfrage für meinen Blog bekomme. Es passiert eher sporadisch, aber es passiert. Eine solche vermute ich daher hinter der Mail mit dem Betreff „Interesse an Buchprojekt?“. Eine Viertelsekunde schwebt der Mauszeiger über der E-Mail. Vermutlich ist ohnehin nur eine unpassende Anfrage drin, die ich höflich ablehne oder gleich ignoriere. Womöglich ist es sogar Spam.

Das Buch "Fotografieren für Blogger" liegt aufgeschlagen auf dem Boden.

Worauf ich mich bei diesem Zeitplan einlasse, ahne ich schon, aber irgendwie auch nicht.

Irgendetwas – ein Impuls, ein Gefühl – lässt mich die Mail dann aber doch öffnen. Weil ich das, was darin steht, erst nicht glauben kann, lese ich die wenigen Zeilen gleich drei- oder viermal hintereinander. Ein Buch soll geschrieben werden, ein Fotografie-Lehrbuch für Jungen und Mädchen sowie Männer und Frauen, die gerade mit dem Bloggen beginnen oder bald beginnen wollen und wissen, welche Relevanz das Foto im Internet hat. Und der Rheinwerk Verlag (Ehemals Galileo Press. Für diejenigen, die ihn nicht kennen: Für einen Fotografen kommt ein Buch in diesem Verlag einem Ritterschlag gleich.) möchte, dass ich dieses Buch schreibe. Lange überlegen muss ich nicht. Ich besuche nur wenige Tage später den Verlag in Bonn und sage nach Rücksprache mit meinem Arbeitgeber bereits kurz darauf zu.

Schon am Ende des Jahres soll das Buch erscheinen. Worauf ich mich bei diesem Zeitplan einlasse, ahne ich schon, aber irgendwie auch nicht. „Ja, der Zeitplan ist eng, aber das haut schon hin“, höre ich mich in den kommenden Monaten so oft sagen, dass ich es irgendwann selbst nicht mehr ertragen kann. Wochenenden, Mittagspausen, Abende und Urlaubstage verbringe ich am Laptop, sage Geburtstage, Restaurantbesuche und Verabredungen ab. Stattdessen verstecke ich mich bei jedem Wetter im Arbeitszimmer. Zwischendurch finden mein Freund und ich die Wohnung, nach der wir schon eine Weile suchen, und ich möchte am liebsten weinend zusammenbrechen und „Nein, nicht jetzt! Das passt jetzt nicht!“ brüllen. Aber weil das Leben eben nicht interessiert, ob es mir gerade passt oder nicht, muss plötzlich noch ein Zusammenzug gestemmt werden. Eine Wohnung muss komplett renoviert werden, eine zweite komplett gestrichen. Statt mein Hab und Gut in Kisten zu packen, schmeiße ich weg, was sich nicht wehrt, halbiere meinen Besitz und behalte nur das Allernötigste. Kleidung, Bücher, Dekoration: Alles fühlt sich plötzlich wie Ballast an. Es zu entsorgen oder wegzugeben, ist eine Wohltat.

Die Arbeit am Probekapitel sowie Renovierung und Umzugsvorbereitungen fallen in einen Zeitraum, der ohnehin jedes Jahr an meinen Nerven zehrt, da auf der Arbeit viel los ist und der letzte erholsame Urlaub lange zurückliegt. Im Mai verliere ich so häufig die Nerven, dass ich kurz davor bin, den Umzug hinzuschmeißen, das Buch hinzuschmeißen, einfach alles hinzuschmeißen. Aber eine Exit-Strategie gibt es nicht, auch keinen Plan B. Also hilft nur noch Augen zu und durch. Wann immer ich mich mit einer Aufgabe beschäftige, bleibt die andere auf der Strecke. Es ist egal, was ich tue, immer habe ich das Gefühl, dass ich niemandem gerecht werde.

Das Buch "Fotografieren für Blogger" liegt aufgeschlagen auf dem Boden.

Plötzlich setzt du dich mit dem, was du kannst, völlig neu auseinander.

Tagsüber arbeite ich in meinem Beruf, abends und an fast allen freien Tagen an meinem Buch. Es fehlt mir an allem: an Freizeit, an Schlaf und, da der Sport immer weniger Raum in meinem Leben einnimmt, auch an einem Ausgleich zur Arbeit. Ich merke, wie ich von Tag zu Tag dünnhäutiger werde, selbst auf neutrale Fragen zunehmend gereizt reagiere und mich an Problemen regelrecht aufreibe. Noch schlimmer aber sind die Selbstzweifel. Immer wieder beginne ich, das, was ich viele Jahre als ein Talent gesehen habe, infrage zu stellen. Ich vergleiche mit mit anderen Bloggern und anderen Fotografen und komme bei diesem Vergleich nicht gut weg, obwohl ich die Maßstäbe selbst setze.

Viele meiner alten Fotos erscheinen mir plötzlich nicht mehr gut genug, geradezu grotesk schlecht. Mir geht das Fotomaterial aus, weil nichts meinen wachsenden Ansprüchen gerecht wird und mir Arbeiten, die nur wenige Monate alt sind, schon nicht mehr gefallen. Ich stürze in eine Schaffenskrise und versuche, noch mehr zu arbeiten, um ihr zu entkommen.

In diesem Dreivierteljahr mache ich mir zum ersten Mal bewusst, wie viel Zeit ich an einem regulären Tag „vertrödel“. Ob morgens beim Frühstück oder abends auf der Couch: Ständig ist das Smartphone griffbereit, jede Whatsapp-Nachricht, jede Mention bei Twitter eine willkommene Ablenkung vom Alltag und von den Aufgaben. Ich versuche mich an Strategien, um fokussiert zu bleiben, und lerne schnell, welche bei mir funktionieren und welche nicht. Vor allem aber erinnere ich mich in dieser Zeit an einen Text über Perfektionismus, den ich gelesen habe, als ich 2015 im Krankenhaus lag. Perfektionisten, so der Tenor des Textes, machten sich durch ihren Ehrgeiz und ihre Mühe auf Dauer krank. Nur 80 Prozent des Möglichen zu geben, so das Fazit des Autoren, reiche vollkommen aus für ein zufriedenstellendes und angemessenes Ergebnis. (Außerdem gebe ein Großteil der Gesellschaft noch deutlich weniger.) Ich lerne in dieser Zeit also auch loszulassen und zu akzeptieren, dass es nicht immer 100 Prozent sein müssen. Und das ist vor allem bei einem Projekt, das mir so sehr am Herzen liegt, nicht einfach.

Das Ergebnis, das seit Mitte dieser Woche vor mir liegt, gibt mir recht. Fotos, die ich im Schreibprozess gern ersetzt hätte, ergeben im großen Ganzen, in meinem fertigen Buch, plötzlich einen Sinn, passen genau, ergänzen den Text optimal. Verbesserungen, ja, die wären möglich gewesen. Sind sie immer, denn etwas so Großes ist niemals perfekt. Aber heute fühlt es sich gut an, das losgelassen zu haben und sich eingestehen zu können: Das Ergebnis ist gut. Es ist gut, wie es ist.

Mein Buch „Fotografieren für Blogger“ ist gerade erschienen im Rheinwerk Verlag und dort und bei Amazon erhältlich.