Ich erinnere mich daran, wie wir auf der gefrorenen Eisschicht im Freibad Schlittschuh liefen und wie wir uns danach die Hände an einer heißen Tasse Kakao wärmten, die Gesichter rot vor Aufregung und Anstrengung.

Ich erinnere mich, wie ich im Traum die Kontrolle verlor. Immer wieder.

Ich erinnere mich an schneebedeckte Hügel und Wälder, so weit das Auge blickte, und wie im Winter manchmal der Schulbus nicht fuhr, wenn es die ganze Nacht geschneit hatte.

Ich erinnere mich, wie du mich gefragt hast, ob ich deine Frau werden will. Ich erinnere mich an dein verletztes Gesicht, als ich nein sagte.

Ich erinnere mich daran, wie wir auf dem Fußballplatz standen und hinter dem gegnerischen Tor zum ersten Mal eine Zigarette rauchten. Ich erinnere mich, wie ich husten musste und und gar nicht mehr aufhören konnte.

Ich erinnere mich an meinen ersten Glühwein, den ich eklig süß fand. Ich erinnere mich an Lichter, Karussells und den Geruch gebrannter Mandeln.

Ich erinnere mich, wie du im Kino die ganze Zeit gequatscht hast, den ganzen Film lang. Und wie ich mir wünschte, du würdest endlich den Mund halten.

Ich erinnere mich an die Eitorfer Kirmes und wie sehr ich hoffte, dich dort zufällig zu treffen. Ich erinnere mich, wie ich wirklich glaubte, dich zu lieben.

Ich erinnere mich daran, dass ich zu deinem 60. Geburtstag zu spät kam. Ich erinnere mich, dass es ein wundervolles Fest war und an drei verpasste Anrufe in Abwesenheit. Ich erinnere mich daran, wie du mich angesehen hast, als ich endlich ankam – nicht enttäuscht, sondern voller Sorge.

Ich erinnere mich an weinselige Abende voller Lachen, Riesling und gutem Essen. Ich erinnere mich, wie aus diesen Abenden unzählige Anekdoten erwuchsen.

Ich erinnere mich daran, wie er sagte: „Sie können nichts ändern. Einfach weitermachen.“ Ich erinnere mich, wie ich wochenlang nichts weiter tat als zu arbeiten und zu weinen.

Ich erinnere mich an meinen ersten Gin-Tonic, an Karaoke und Zigarrenrauch.

Ich erinnere mich an mein verweintes Gesicht im Spiegel und daran, wie jemand sagte: „Du bist hässlich, wenn du heulst.“

Ich erinnere mich daran, wie aus dem Gerücht, im Schwimmbad sei ein Junge ertrunken, Wahrheit wurde. Ich erinnere mich, wie sie das Holzbrett entfernen ließen, in dessen Kette sich sein Fuß verfangen hatte und wie ich mich – in Gedanken bei seinen Eltern – den ganzen Sommer in den Schlaf weinte.

Ich erinnere mich daran, wie ich dich bat, mir das Wort Elan zu erklären und du sagtest, ich sei zu klein, um es zu verstehen.

Ich erinnere mich daran, wie oft ich gemein zu dir war, obwohl ich dich so bewunderte.

Ich erinnere mich an jedes „Du bist ja ’ne Süße.“, jedes „Wenn du so kurze Kleider trägst, kann sich keiner im Büro mehr konzentrieren.“, jedes „Stell dich nicht so an.“, jedes „Für ’ne Frau bist ja gar nicht so doof.“, jedes „Hast du deine Tage oder wieso bist du so launisch?“, jedes „Hübsch und klug. Das ist ja eher selten.“, jedes „Bei uns können Sie Karriere machen, es sei denn sie planen eine Familie.“, jedes „Lass das mal den Kollegen machen.“, jedes „Und Sie sind die Praktikantin?“, jedes „Du willst es doch eigentlich auch.“, jedes „Willst du mich traurig machen?“, jedes „Du bist ja gar nicht so ein typisches Mädchen.“, jedes „Jetzt heul halt nicht gleich.“, jedes „Frauensport kann man sich nicht gut angucken“, jedes „Ich verstehe, dass Frauen weniger verdienen, die leisten ja auch weniger.“, jedes „Lächel doch mal.“ und jedes „Ich arbeite lieber mit Männern zusammen, die sind nicht so schwierig.“.

Ich erinnere mich an eure Hochzeit, die so schön und emotional war, dass ich mir wünschte, der Abend würde nie enden. Ich erinnere mich an die Gitarrenmusik deines Bruders, den kleinen, bunten Eiswagen neben der Tanzfläche, vollgeknipste Einwegkameras und fliegende Seifenblasen.

Ich erinnere mich, wie wir an deinem 17. Geburtstag den Polo deines Kumpels mit einem Kleiderbügel knackten, weil sein Schlüssel im Kofferraum lag. Ich erinnere mich noch daran, wie es funktionierte.

Ich erinnere mich, wie ich das Ordnungsamt rief, weil die Streits in der Wohnung unter meiner von Nacht zu Nacht bedrohlicher wurden. Ich erinnere mich daran, wie häufig ich wach lag und eurem Gebrüll und den knallenden Türen zuhörte. Ich erinnere mich an die Angst, irgendwann nicht das Ordnungsamt, sondern den Krankenwagen rufen zu müssen.

Ich erinnere mich an jedes gelesene Buch.

Ich erinnere mich an den Traum, in dem ich in einem klaren Bergsee ertrunken bin, und wie er mich tagelang nicht losgelassen hat.

Ich erinnere mich daran, wie du mir an eurem kleinen Esszimmertisch deine Diagnose mitgeteilt hast und dass du die Jahre aufgeschrieben hast, die du noch zu leben hast, weil du sie nicht aussprechen wolltest.

Ich erinnere mich, wie stolz du warst.


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Zum ersten Teil der Reihe“ Ich erinnere mich“ geht’s hier.

Inspiriert durch Frau Nessy und „Ich erinnere mich“ von Joe Brainard.