Ich erinnere mich daran, wie ich weinend im Zug saß. Und an den Fremden, der in seiner Tasche wühlte, ein kleines Spielzeug herauszog und es auf mein Bein stellte. Ich erinnere mich an das Gefühl von Hoffnung auf eine Zukunft, die besser ist als die Gegenwart.

Ich erinnere mich an die Brücke über den kleinen Bach in meinem Heimatort, an dem wir uns trafen. Ich erinnere mich daran, wie nervös ich war, weil ich genau wusste, was passieren würde. Ich erinnere mich an unseren ersten Kuss, der gleichzeitig mein erster war, und daran, wie du mir nicht viel später das Herz gebrochen hast.

Ich erinnere mich selten an Gerüche und niemals an Stimmen, aber auch im tiefsten Dunkel an Wärme und Licht.

Ich erinnere mich an unsere gemeinsamen Samstagabende am Küchentisch, eine große Kanne Tee und tausende kleiner Plastikteile in unserer Mitte. Ich erinnere mich an die Packungen, auf denen groß und bunt das Wort FALLER prangte, und wie wir Stunde um Stunde gemeinsam an deinem Traum bastelten.

Ich erinnere mich an dein Lachen, an sein Lachen, an ihr Lachen, aber niemals an mein eigenes.

Ich erinnere mich daran, wie sie sich in der Küche stritten, laut und heftig, und du mich an der Schulter gepackt und an deine Hüfte gedrückt hast. Ich erinnere mich, wie ich die Augen schloss und das Wort Familie verstand.

Ich erinnere mich an quälend lange Tage, an denen die Hitze in meinem Zimmer unterm Dach fast unerträglich schien.

Ich erinnere mich an Sommertage, die ich allein auf einer Decke ganz hinten in der allerletzten Ecke des Gartens, verbrachte. Nicht weil ich es musste, sondern weil ich es wollte.

Ich erinnere mich an durchquatschte Nächte in deinem Zimmer, das ich viel cooler fand als mein eigenes. Ich erinnere mich daran, wie du mir zuliebe extra früh eingeschlafen bist, wenn dein Cousin über Nacht bei uns blieb.

Ich erinnere mich daran, wie du zitternd auf deiner Decke lagst und ich verstand, dass wir Abschied nehmen müssen. Ich erinnere mich, wie ich nach der Schule zum ersten Mal in ein leeres Haus zurückkam und die Wand das Einzige war, was mir noch Halt gab.

Ich erinnere mich daran, wie ich keinen Schritt ohne dich machte, wie ich begriff, dass dich niemals ein Mensch ersetzen kann, und wie dankbar ich sein kann, dass ich dich habe. Ich erinnere mich daran, wie neidisch ich bei all der Liebe war, weil du besser Schach spieltest.

Ich erinnere mich daran, wie deine Hand nach meiner griff und ich versuchte, es nicht zu bemerken. Ich erinnere mich daran, wie betrunken ich war.

Ich erinnere mich an den Moment, als ich verstand, dass die Einsamkeit vorbei ist. Ich erinnere mich an den Moment, an dem ich wusste, dass du bleibst. Und ich auch.

Ich erinnere mich an die kleine, orangefarbene Rutsche und die grün-rote Schaukel. Ich erinnere mich an hohes, ungemähtes Gras und den riesigen Walnussbaum, der im Herbst voller Nüsse hing.

Ich erinnere mich an den Moment, als das Telefon klingelte. Ich erinnere mich, wie ich schrie, als ich verstand. Ich erinnere mich auch an die Zeit davor, an durchweinte und schlaflose Nächte, an lange Autofahrten mit verheulten Augen. Ich erinnere mich, wie ich an deinem Grab zusammenbrach.

Ich erinnere mich, wie wir sonntags mit den leeren Milchkannen zum Bauern liefen und dass ich die vollen auf dem Rückweg kaum tragen konnte, weil sie so schwer waren.

Ich erinnere mich daran, wie wir den Abend mit Alkohol im Whirlpool verbrachten – trotz 30 Grad Außentemperatur. Einfach nur, weil wir es konnten. Ich erinnere mich an gutes Essen, traumhafte Stränden, bilderbuchartige Sonnenuntergänge.

Ich erinnere mich daran, wie ich dich zum ersten Mal im Arm hielt und ich wusste, dass ich dich lieben und beschützen werde. Komme, was wolle.

Ich erinnere mich an das große Bild von unserem Haus an der Wand, das ohne die mächtige Garage wie aus einer anderen Zeit zu sein schien. Ich erinnere mich an den schrecklichen roten Farbstich, den ich irgendwann korrigiere.

Ich erinnere mich, wie du sagtest: „Lass uns mal eine Pause einlegen.“ Und ich erinnere mich, dass ich neun Monate später noch immer hoffte, dass du zurückkommst.

Ich erinnere mich, wie sich jeder mit mir freute, aber kaum jemand mit mir trauerte. Ich erinnere mich an die bittere Erkenntnis, dass niemand gern mit Schmerz umgeht und nur glückliche Freunde gute Freunde sind.

Ich erinnere mich an Käsebrote mit Aprikosenmarmelade. Und an euren verwinkelten Schrebergarten, der einfach niemals aufzuhören schien, mit der Hütte mit den zwei kleinen Kochplatten. Ich erinnere mich daran, dass sich im Flur die Tapete von der Wand löste.

Ich erinnere mich daran, wie ich merkte, dass ich nicht dazugehöre. Ich erinnere mich daran, wie ich nicht mehr weiterwusste.

Ich erinnere mich daran, wie ich es hasste, wenn der Fernseher lief.

Ich erinnere mich daran, wie du dich, wenn ich aus der Schule angerufen habe, weil es mir nicht gut ging, sofort ins Auto gestiegen bist. Jedes einzige Mal.

Ich erinnere mich an gebrochene Arme und gebrochene Herzen.

Ich erinnere mich daran, wie sie mich nicht mehr zu dir ließen, damit ich dich so in Erinnerung behalte, wie ich dich zum letzten Mal gesehen habe. Ich erinnere mich daran, wie sie sagten, du würdest mich nicht mehr erkennen.


Euch haben meine Erinnerungsfetzen aus unterschiedlich Zeiten und Räumen gefallen? Dann folgt mir doch bei Twitter.

Hier geht’s zu Teil 2 der Reihe „Ich erinnere mich“.

Inspiriert durch Frau Nessy und „Ich erinnere mich“ von Joe Brainard.