Wenn zwei Menschen, die keine gemeinsame Sprache sprechen, versuchen, miteinander zu reden, führt das selten zum Ziel. Wie soll ein Gespräch auch funktionieren, wenn man einander nicht versteht? Was aber passiert, wenn zwei Menschen nicht dieselbe Sprache sprechen, um diesen Umstand aber nicht einmal wissen? Das mag im ersten Moment absurd klingen, kommt im Alltag aber gar nicht so selten vor: Es passiert zwischen Freunden, Ehepartnern und sogar zwischen Eltern und ihren Kindern.

Seine Muttersprache kann jeder Mensch benennen. Anders verhält es sich, wenn es um die Muttersprache der Liebe geht. Diesen Begriff aus der Paartherapie hat der amerikanische Paar- und Beziehungsberater Gary Chapman geprägt. Chapman behauptet, dass es fünf unterschiedliche Arten gibt, um seine Liebe oder Zuneigung ausdrücken. Dieser These, die er „Die fünf Sprachen der Liebe” nennt, widmete Chapman in den 80er-Jahren mehrere Bücher.

Die fünf Sprachen

Die erste Sprache ist laut Chapman „Lob und Anerkennung“. Menschen mit dieser Hauptsprache loben häufig und gern diejenigen, die sie schätzen, und zeigen so ihre Anerkennung, ihren Respekt oder – je nach Art der Beziehung – ihre Liebe. Für sie äußert sich ihre Liebe also primär über Worte. Daraus folgt, dass sie sich geschätzt fühlen, wenn sie Komplimente bekommen und Liebesbekundungen wie „Ich liebe dich“ hören.

Sprache Nummer zwei ist „Zweisamkeit“. Wer auf diese Art liebt, gibt dem anderen als Zeichen seiner Zuneigung seine Zeit und seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Im Umkehrschluss fühlen diese Menschen sich geliebt, wenn sie Zeit zu zweit geschenkt bekommen: bei einem Abendessen mit dem Partner, einem Shoppingtag mit der Mutter oder einem Wellnesstag mit einer Freundin. Gemeinsame Zeit, Stichwort Quality Time, hat sie für eine hohe Qualität und ist ein Liebesbeweis. Ein auf diese Art Liebender und jemand, der gern und häufig viele Freunde um sich hat, werden ohne Kompromisse auf Dauer schwerlich miteinander glücklich werden.

„Geschenke, die von Herzen kommen“ ist die dritte Muttersprache der Liebe. Menschen dieser Sprache verschenken oft und gern kleine Aufmerksamkeiten und suchen Geschenke mit viel Liebe aus. Kinder, die ihre Sprache der Liebe noch finden müssen, sprechen in der Regel diese Sprache. Sie schenken häufig Selbstgebasteltes oder -gemaltes. Zum Großteil ist das aber nur eine Übergangsphase. Im Umkehrschluss schätzt jeder, der diese Sprache spricht, Geschenke, über die sein Gegenüber sich Gedanken gemacht hat und in die Zeit und Mühe geflossen sind.

„Hilfsbereitschaft“ ist die vierte Sprache der Liebe. Wer diese spricht, unterstützt und hilft Freunden und Familie, wo er kann, und packt an, wann immer Not am Mann ist. Oft sind es ganz kleine Dinge, die kaum merklich den Alltag erleichtern: die ausgeräumte Spülmaschine zum Beispiel. Oder das übernommene Projekt im Büro. Im Umkehrschluss reicht es diesen Liebenden nicht, immer wieder Liebesschwüre zu hören. Sie möchten Taten sehen, die die Gefühle beweisen.

Die fünfte und letzte Sprache ist die körperliche Liebe: die „Zärtlichkeit“. Wer auf diese Art liebt, zeigt seine Zuneigung durch leichte Berührungen, Umarmungen oder – in der Partnerschaft – durch Küsse. Daraus folgt, dass diese Liebenden sich nach Berührungen sehnen. Sie brauchen körperliche Nähe oft als Beweis einer stabilen Beziehung.

Man kann jede Sprache erlernen

Jeder Mensch, so Chapman, spricht mehrere dieser Sprachen kombiniert. Eine der fünf Sprachen ist in der Regel jedoch die Muttersprache, also die, die er am häufigsten nutzt. Die fünf Sprachen sind dabei nicht als Einbahnstraße zu verstehen: Das, was ein Mensch gibt – Berührungen, Aufmerksamkeiten, Hilfe –, wünscht er sich als Zeichen der Liebe auch vom Partner, von der Freundin oder in der Familie. Vor allem an dieser Stelle kommt es zu Schwierigkeiten in der Kommunikation. Dann nämlich, wenn jemand, mit dem man viel Zeit verbringt, eine andere Muttersprache hat und dessen Liebe nicht ankommt.

Rosen liegen auf einem Tisch

Foto: Unsplash.com/Daria Sukhorukova

Wer dieses Konzept kennenlernt, dem öffnet es erst einmal die Augen. Es erklärt, wieso man sich manchmal von Menschen, die einem nahe stehen, nicht angemessen behandelt fühlt. Auch dann, wenn man sich ihrer Liebe eigentlich bewusst ist. Es erklärt auch, wieso man sich manchmal wünscht, der Partner würde einen häufiger küssen, öfter „Ich liebe dich“ sagen oder hin und wieder ein Geschenk mitbringen. Es erklärt auch, wieso niemand verzweifeln muss, wenn sein Gegenüber diese Dinge nicht tut, und wie man trotzdem erkennen kann, dass man geliebt wird.

Der Gedanke, man spreche dieselbe Muttersprache der Liebe, klingt vielleicht nach dem Idealmaß für den Alltag. Aber das ist gar nicht notwendig. Jeden Tag leben Pärchen oder Familien mit unterschiedlichen Muttersprachen der Liebe friedlich und glücklich zusammen. Man kann jede der anderen Sprachen erlernen, indem man im ersten Schritt versucht, die Zeichen zu bemerken. Dann verpasst man die Momente, in denen der Partner oder beste Freund seine Liebe zeigt, auch nicht mehr und sie kommt an. Im zweiten Schritt kann jemand, der Wert auf Zärtlichkeit legt, überlegen, ob er einmal ein Mitbringsel aus dem Urlaub mitbringt, auch, wenn es eigentlich nicht seine Art ist.

Jede Sprache lässt sich erlernen. Das gilt nicht nur für das gesprochene und geschriebene Wort.