Zehn Jahre ist die re:publica in diesem Jahr alt geworden. Das bedeutet, dass ich bei der ersten Ausgabe gerade einmal 19 Jahre alt war. Damals (Ja, das Wort erlaube ich mir an dieser Stelle einmal) hatte ich die Konferenz noch nicht auf dem Schirm. Möglicherweise habe ich von ihr in der Zeitung gelesen oder in den Nachrichten gehört, wahrscheinlich aber nicht. Bei gerade einmal 700 Teilnehmern kann ich mir nur schwer vorstellen, dass die erste re:publica es in den klassischen Medien zu mehr als ein paar Zeilen gebracht hat.

Der Name re:publica war mir zu dieser Zeit also höchstwahrscheinlich fremd. Vielmehr galt meine Zeit der Vorbereitung auf meine Zwischenprüfung und den Herausforderungen, die der Einstieg ins Berufsleben mit sich brachte. Dass meine Vita mich einmal zu dieser Konferenz bringen würde, die 2007 erstmals von ein paar jungen Nerds in Berlin organisiert wurde, war nicht absehbar. Nicht einmal annähernd.

Ich bin also spät eingestiegen in die re:publica. Meine erste Ausgabe ist die elfte gewesen. Dabei will ich schon seit Jahren einmal dort hin und mir anschauen, was sich hinter dieser Konferenz genau verbirgt. Klar verstand ich das Konzept schon vorher im Groben, im Theoretischen. Aber wie genau diese Konferenz aussieht und wie es sich anfühlt, dort zu sein, was man mitnimmt, was der Besuch einem bringt, das weiß man vorher ja eigentlich nie. Ebenso wenig, ob man Spaß und Nutzen daran findet, sich Kosten und Aufwand lohnen. Nun habe ich den Besuch also endlich gewagt – und ein paar Gedanken mitgebracht, die mir im Laufe der vergangenen drei Tage gekommen sind.

1. Eine gelungene re:publica

Rund 8000 Menschen sollen bei der re:publica 2017 gewesen sein. Dafür ziehe ich einmal kurz meinen Hut vor den Organisatoren dieser Großveranstaltung. Zwar lief hier und da mal eine Kleinigkeit schief – ein Mikrofon funktionierte nicht, die ein oder andere Bildübertragung riss kurzzeitig ab, etc. –, aber alles in allem habe ich eine gelungene Veranstaltung mit professioneller Organisation erlebt. Trotz der hohen Besucherzahl gab es nur moderate Wartezeiten. An allen wichtigen Stellen war ausreichend Personal eingesetzt. Auch die Toiletten waren durchgängig sauber und ordentlich. Und das ist keine Selbstverständlichkeit bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung. Die tolle Verpflegung erwähne ich nur am Rande und der Vollständigkeit halber.

Pommes auf der re:publica 2017 in Berlin

2. Starke Speaker, spannende Menschen

Auch viele interessante Persönlichkeiten gibt es bei der re:publica zu sehen und zu hören. Sie ist eine schöne Gelegenheit, einmal diejenigen live zu erleben, denen man bei Twitter oder Instagram folgt oder deren Blogs man gern liest. Wenn man – im Gegensatz zu mir – dann auch noch ein guter Netzwerker ist, kann man sicherlich spannende Kontakte knüpfen, beruflicher wie privater Natur. Das Rahmenprogramm bietet auf jeden Fall mehr als genügend Gelegenheiten. Nicht nur die Organisatoren selbst sorgen für ausreichend Abendveranstaltungen, Besucher und Gruppen organisierten zudem eigene Meetups, Treffen und Zusatzveranstaltungen.

3. Willkommen im Mikrokosmos

Nach drei Tagen re:publica habe ich mich erst einmal gefühlt, als wäre die Welt eine andere. Von wenigen Trollen, die durch die erhöhte Reichweite vermehrt in den Mentions landen, einmal abgesehen, befindet man sich in einer starken Filterblase. Das ist mir vor allem in politischen Sessions aufgefallen. Man fühlt sich wundervoll aufgehoben, wenn bei „Der Source Code der AfD“ von Katharina Nocun der ganze Raum bei jeder Folie energisch nickt und schockiert vor sich hin murmelt. Man vergisst dabei aber mitunter, dass man sich in einem Mikrokosmos befindet. Dass die Gesellschaft sich gerade in vieler Hinsicht alles andere als einig ist. Dass jeder von uns hart arbeiten muss, um die Freiheiten zu erhalten, die wir – zumindest im Europa der vergangenen Jahre – jeden Tag genießen.

Dennoch ist es schön, für drei Tage an diesem Mikrokosmos festhalten zu können. Vor allem in einer Zeit, in der einem beim Blick in die Kommentarspalten großer wie kleiner, lokaler wie überregionaler Zeitungen oftmals der Atmen stockt und man sich mehr und mehr die Frage stellt: „Wie viele Menschen, die so denken wie ich, die Freiheit und Demokratie schätzen und bereit sind, für demokratische Werte einzustehen, wie viele dieser Menschen gibt es überhaupt noch?“

Das Motto "Love out loud" ist auf Schildern in einer Halle zu lesen

4. Marketing, wohin das Auge blickt

Nicht besonders glücklich machten mich allerdings einige der Sessions, die ich besucht habe. Mehr als ein Bruchteil davon waren reine Werbesessions, gesponsert oder gehalten von Unternehmen. Dass Unternehmen die re:publica unterstützen und dafür Redezeit erhalten, finde ich nicht wirklich verwerflich. Schließlich handelt es sich um eine Veranstaltung, die wirtschaftliche Interessen verfolgt. Da muss man so etwas eben hinnehmen. Auch dass Unternehmen sich mit einem Talk bewerben und den Talk für Werbezwecke nutzen, ist erst einmal zu verkraften. Aber für meinen Geschmack muss das Verhältnis stimmen. Ich erkläre das einmal am Beispiel von Bento.de, einem Online-Angebot für 18- bis 30-Jährige von Spiegel Online.

In seiner Kurzbeschreibung kündigte Bento vollmundig an, mit den Zuschauern der Session über die Erfahrungen des neuen Formats zu sprechen und darüber zu diskutieren, was Verlage in Zukunft leisten sollen. Aber was bekamen die Zuhörer? Ein Quiz, in dem sie ein wenig darüber erfuhren, welche Artikel auf Bento.de am meisten gelesen werden, welche Formate angeboten werden und woher die Inhalte stammten. Außerdem eine Fragerunde, in der auf Fragen wie „Wie arbeitet ihr?“ sinngemäß mit „Morgens treffen wir uns zur Konferenz und dafür lassen wir uns viel Zeit. Und wenn ich eine Idee für ein Video habe, gehe ich zum Video-Team.“ geantwortet wurde. Keine hilfreichen, spannenden Antworten und Einblicke, keine Diskussionen, stattdessen hohle Phrasen, vorgeschriebene Texte und der Versuch, kritischen Fragen auszuweichen oder einfach gar nicht auf sie zu antworten. Dabei hätte Bento tatsächlich eine Menge zu erzählen, da bin ich sicher. Aber wenn man mit Redeverbot zur re:publica fährt oder sich dieses vor der Session selbst auferlegt, kommt eben so etwas dabei raus.

Kaum jemand lässt sich in die Karten schauen

Wundert mich das? Nein, natürlich nicht. In keinem der werblichen Vorträge, die ich besucht habe, ließen sich die Speaker in die Karten schauen. Vielmehr wichen sie, wie es auch bei Bento der Fall war, kritischen Fragen aus und stellten sich, statt eine Diskussion anzustoßen, erst einmal 20 Minuten lang vor. Vielleicht ist das auch kein Wunder, schließlich ist trotz Eintrittsbeschränkung und nicht gerade günstiger Eintrittskarten alles in gewissem Maße öffentlich. Spannende Zitate landen in Echtzeit per Twitter in der Welt. Da sagt man dann wohl lieber gar nichts, bevor einen der Chef am Tag danach ins Büro zitiert. Schade! Ich bin sicher, es hätte viele interessante und lehrreiche Geschichten zu erzählen gegeben. So litten viele der Sessions, die ich gesehen habe, unter einer starken Oberflächlichkeit.

Da man nicht immer nur kritisieren und meckern soll, hier ein Vorschlag zur Abhilfe: Schaut doch einmal genauer hin, wen ihr da zu welchem Thema auf die Bühne setzt. Statt drei aktive YouTuberinnen in Gegenwart ihrer Agentur dazu zu befragen, wie es ist, wenn man sich den ganzen Tag selbst filmt, könnte man doch stattdessen mit denjenigen über die Verhältnisse der Branche sprechen, die nicht mehr darin arbeiten. Zumindest aber sollte jemand, der keiner Agentur verpflichtet ist, die seichte Rederunde (Ich weigere mich, dieses Elend eine Diskussionsrunde zu nennen) ergänzen.

5. Ein Hoch auf die Nischenthemen!

Dieser Blogartikel sollte kein Verriss werden. Ganz im Gegenteil: Ich hatte spannende Tage in Berlin, habe tolle Leute getroffen und kennengelernt, hatte Spaß und habe viel gelernt. Einige Session waren zudem hochinteressant. Vor allem Nischenthemen waren oftmals mit guten und sehr fähigen Speakern besetzt. Dazu kam eine gelungene Organisation. Dennoch: Die Werblichkeit der re:publica hat mich schockiert (eventuell war ich ja auch etwa naiv). Das hinterlässt für mich einen faden Beigeschmack. Komme ich wieder zur re:publica 2018? Im Moment bin ich da noch nicht sicher.

Die Stage 1 der re:publica