Sie laufen wieder. Ab Februar schickt Heidi Klum bei „Germany’s next Topmodel“ wieder hoffnungsvolle junge Frauen über Catwalks und zu Castings – und impft dabei über Monate den Zuschauern ihrer Sendung ein unrealistisches und sexistisches Frauenbild ein. Diesem Einfluss setzen sich – es mag kaum überraschen – vor allem unter 14-Jährige aus und saugen dabei Frauenbilder, die im Jahr 2017 längst überholt sein sollten, auf wie ein Schwamm.

Über mehrere Wochen werden junge Frauen, teilweise selbst noch Mädchen, anhand ihres Aussehens kategorisiert – zu klein oder zu groß, zu dick oder zu dünn, zu schlaksig oder zu muskulös – und gedrillt. Auch unabhängig von der Statur gilt: Was nicht stimmt, wird optimiert. Beim Bleaching werden die Zähne weißer, beim Tanning die Haut brauner und beim Umstyling wird jede noch so schöne und natürliche Haarpracht geschnitten und gefärbt.

Aber nicht nur Körper und Aussehen der Teilnehmerinnen geben Anlass für anhaltende Kritik und hämische Kommentare. Auch das Verhalten der ab 16-Jährigen wird kontinuierlich kritisiert. Wer aufmüpfig ist, fliegt raus. Wer Heidi Klum die Stirn bietet, fliegt raus. Wer versucht, seine Meinung und seine Eigenheiten durchzusetzen, fliegt raus. Bleiben dürfen diejenigen, die möglichst keine Widerworte geben, sondern brav jede Information der Chefjurorin aufsaugen. Die Mädchen zu einem optischen Einheitsbrei verschmelzen zu lassen, reicht der „Modelmama“, wie Heidi Klum sich stoisch nennen lässt, offenbar längst nicht mehr aus. Auch hörig sollen sie werden. Und bloß nett sein, immer nett sein. Dabei höflich lächeln. Beautiful! Bis auch das natürlichste und ambitionierteste Mädchen hinter einem aufgesetzten Dauerlächeln verblasst ist.

Leben in einer Scheinwelt

Im Laufe der elf Staffeln, die ProSieben bereits ausgestrahlt hat, sind immer wieder Diskussionen in den Medien darüber entbrannt, welches Frauenbild die Sendung „Germany’s next Topmodel“ vermittelt. Und ob sie nicht eigentlich verboten werden müsste. Vor allem unter dem Aspekt, dass überwiegend junge und leicht beeinflussbare Teenagerinnen Woche für Woche einschalten, halte ich diese Frage für angemessen. Denn sie sind oft diejenigen, die Gefahr laufen, nicht zu erkennen, dass die Sendung in einer Scheinwelt spielt, die für einen durchschnittlichen Menschen überhaupt nicht zu erreichen und – das ist zumindest meine Meinung – auch gar nicht erstrebenswert ist. Etwas anders sehen das offenbar die Macher der Sendung. Das Mantra, das über beinahe jeder Staffel schwebt und das Heidi Klum Woche für Woche gleich mehrfach herunterbetet, ist: „Du kannst alles schaffen, wenn du an dir arbeitest und dein Bestes gibst.“*

Dabei stimmt das nicht. Nicht jede Frau und jeder Mann ist dazu geeignet, irgendwann als Model über die Laufstege dieser Welt zu laufen. Das liegt daran, dass in der Modewelt noch immer genaue Standards, wie ein Model auszusehen hat, vorherrschen, die nur selten von Designern infrage gestellt werden. Und die Genetik sorgt eben dafür, dass nicht alle Frauen wie Kopien von Heidi Klum aussehen können. (Zum Glück! Denn Vielfalt ist etwas Wundervolles.) Die drei unterschiedlichen Körperbautypen Mesomorph, Endomorph und Ektomorph bzw. ihre Mischformen geben einen Spielraum vor, in dessen Rahmen sich unser Körper bewegen kann. Deshalb kann nicht jeder schlank und muskulös sein. Und diese Erkenntnis kann hilfreich sein. Denn wer sie nicht als Ungerechtigkeit, sondern als Gegebenheit begreift, dem kann sie eine Menge Druck und Last von den Schultern nehmen. Und im besten Fall führt sie zur wichtigen Erkenntnis, dass jeder Körper seine Daseinsberechtigung hat. Aber das ist einen eigenen Artikel wert.

Ein „schöner“ Körper ist harte Arbeit

Neben der Tatsache, dass es unterschiedliche Körperbautypen gibt und bei Germanys Next Topmodel einige der wenigen Mädchen zu sehen sind, die rein zufällig und oft ohne ihr Zutun den genauen Modestandards entsprechen, verschweigen Heidi Klum und ProSieben uns außerdem, dass ein schöner Körper** harte Arbeit ist. Ich erinnere mich an eine Staffel – es mag drei oder vier Jahre her sein – in der Heidi keine Gelegenheit verstreichen ließ, sich mit Döner oder Donut in der Hand oder beim Betrachten des reichhaltigen Caterings filmen zu lassen. Diese Backstageeindrücke, die zwischen die Szenen kreischender, heulender und intrigierender Mädchen geschnitten wurden, waren so offensichtlich für die Kamera und das Publikum gestellt, dass es plumper nicht hätte sein können. Man war fast geneigt, den Machern der Sendung einen Hauch Ironie zu unterstellen. Aber nur fast. Die Wahrheit ist aber eine andere. Selbst bei passender Genetik bedeutet ein Modelkörper Durchhaltevermögen und Verzicht – und zwar den Großteil der Zeit. Gesunde und spezielle Ernährung, Ausdauersport und Muskeltraining sind fester und unverzichtbarer Teil des Jobs. Genau, wie es auch bei Profisportlern der Fall ist.

Selbst mit diesem Wissen jage ich seit Jahren einem Körper hinterher, den ich gar nicht erreichen kann, weil meine Veranlagung ihn schlichtweg nicht vorsieht. Ich mache zwei bis dreimal die Woche Sport und ernähre mich größtenteils gesund, aber auch dieser Lebensstil wird mich nicht einmal in die Nähe dessen bringen, was ich Tag für Tag im Fernsehen und auf Werbeplakaten sehe. Mehr Realismus täte der Debatte und auch der Werbebranche gut und muss das Ziel sein. So lange junge Menschen, Männer wie Frauen, hören und sehen, dass eine Frau auf eine bestimmte Art auszusehen hat, rutscht eine Welt, in der Body Shaming kein Thema mehr ist, in ferne und nicht greifbare Zukunft. Sprüche wie „Du kannst alles schaffen, wenn du dich anstrengst“, helfen da leider auch nicht weiter.

 

* „Alles“ steht in diesem Fall für „ein Foto bekommen“ und „in die nächste Runde kommen“, eventuell sogar für „in die Staaten fliegen“. Denn über die Sendung hinaus haben wenige Topmodel-Siegerinnen tatsächlich Erfolg erzielt und haben es geschafft, aus aus der ProSieben-Werbemaschinerei auszubrechen.

** Was auch immer das bedeuten mag.