Wenn ich in Bewerbungsgesprächen danach gefragt worden bin, was mich auszeichnet, habe ich viele Jahre voller Stolz „Mein Perfektionismus“ gesagt. Heute, drei Arbeitgeber und einige Jahre Berufserfahrung später, hat sich meine Einstellung zum Perfektionismus verändert. Ich hadere mit ihm, betrachte ihn zumindest zwiegespalten.

Wo immer ich gearbeitet habe, gab es Kollegen, die es mit der Arbeitsmoral nicht ganz so ernst nahmen. Vermutlich kennt jeder ambitionierte Arbeitnehmer diesen Typ Mensch, den ich meine. Er erledigt seine Arbeit maximal halbherzig und ignoriert Fehler, die er bemerkt oder auf die jemand anders ihn aufmerksam macht, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Seine Einstellung scheint „40 Prozent tun es doch auch“ zu sein, zumindest aber „Mir doch egal, ich lass das jetzt so“. Auf Kritik reagiert er in der Regel beleidigt, was eventuell darauf hindeutet, dass er sich seiner fragwürdigen Einstellung zumindest bewusst ist.

Was nicht ausgereift und zweimal kontrolliert ist, ist auch nicht fertig

Meine Einstellung zu meiner Arbeit ist eine grundsätzliche andere. Ob ich für mich selbst arbeite oder für andere: Was ich abgebe, muss nah an fehlerlos sein. Was nicht ausgereift und zweimal kontrolliert ist, ist auch noch nicht fertig. Eine Begleiterscheinung dieses Perfektionismus ist, dass ich mich an Menschen, die eine Low-effort-Strategie fahren, unheimlich reibe. Ich kann diese Einstellung einfach nicht nachvollziehen. Dass ich weniger als 100 Prozent gebe, kommt bei mir nicht vor. Oder vielmehr: Kam bei mir nicht vor. Denn meine perfektionistische Arbeitsweise, die mich durch zehn Berufsjahre begleitet hat, stelle ich im vergangenen Jahr mehr und mehr auf den Prüfstand.

Denn wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Während ich nach wie vor nichts davon halte, gerade mit Mühe und Not das Allernötigste zu erledigen, habe ich vor allem in den vergangenen zwölf Monaten gelernt, dass es nicht immer 100 Prozent sein können. Denn vor allem bei Projekten, die einen eine Weile begleiten, hält das auf Dauer niemand durch.

Das Paretoprinzip oder: Wieso 80 Prozent eigentlich auch ausreichen

Während der Arbeit an meinem Buch „Fotografieren für Blogger“ bin ich auf das sogenannte Paretoprinzip, benannt nach Vilfredo Pareto, aufmerksam gemacht worden. Das Paretoprinzip besagt, dass „80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreicht werden. Die verbleibenden 20 Prozent der Ergebnisse benötigen mit 80 Prozent die meiste Arbeit“ (Quelle: Wikipedia). Es wird daher auch 80-zu-20-Regel genannt.

Und was bedeutet das im Arbeitsleben konkret? Dass 80 Prozent einer Aufgabe mit minimalem Zeitaufwand zu schaffen sind. Die letzten 20 Prozent, also die Prozent, die du benötigst, um die Aufgabe perfekt zu erledigen, aber ein Vielfaches dieser Zeit in Anspruch nehmen. Woran liegt das? Daran, dass die ersten 80 Prozent eine enorme Veränderung ausmachen, die auch mit wenigen Handgriffen erledigt werden kann. Zumindest, wenn sie richtig ausgewählt werden. Die letzten 20 Prozent aber Detailaufgaben sind, die viel Zeit und Kraft kosten.

Ein ganz konkretes Beispiel, das zeigt, dass Arbeiten mehr Zeitaufwand benötigen, sobald sie kleinteiliger und detaillierter werden: Nach einem langen Arbeitstag kündigt sich spontan Besuch bei dir an. Die Wohnung ist aber leider alles andere als vorzeigbar. Um eine Anmutung von Ordnung zu schaffen, beginnst du nicht mit damit, die CDs zu sortieren, sondern mit Handgriffen, die schnell zu einem offensichtlichen Ergebnis führen: Du wirfst herumliegende Kleidung in den Wäschekorb, wirfst Müll weg, saugst die Wohnung durch und putzt das Bad. Innerhalb von einer Stunde schaffst du so einen Großteil der anliegenden Aufgaben und bekommst ein vorzeigbares Ergebnis. Die letzten Arbeiten, die wiederum zu einem perfekten Ergebnis führen würden – ausmisten, sortieren, entstauben, Fenster putzen, Geschirr polieren, etc. – scheinen nie aufzuhören und lassen sich scheinbar ins Unendliche ausdehnen.

Zeitmanagementtool für Studium und Beruf

Wer das Paretoprinzip verstanden und verinnerlicht hat, kann es wunderbar als Zeitmanagementtool einsetzen. Wichtig ist aber, es nicht falsch zu interpretieren. Es ist keine Ausrede für unvollständige Arbeit, sondern funktioniert nur, wenn man, bevor man eine Aufgabe angeht, die 80 effektivsten Prozent herausfiltert und diese dann gewissenhaft und konzentriert erledigt. Außerdem lässt es sich nicht auf jedes Problem anwenden. Es hilft aber dabei, Aufgaben in kleine Projekte herunterzubrechen und zu strukturieren.

Mit diesem Wissen kann ich jetzt auch an meinem eigenen Perfektionismus arbeiten. Es hat mir unter anderem dabei geholfen, mein bisher größtes eigenständiges Projekt, mein erstes Buch, an einem gewissen Punkt loszulassen, obwohl ich wusste, dass ich es noch hätte verbessern können. Denn wenn man nicht loslassen kann, dann kann man ein solches Projekt auch niemals beenden, schließlich ist der Weg zur Perfektion lang und schwierig. Loszulassen ist keine einfache Aufgabe, aber manchmal eben die vernünftigste Entscheidung.