Man sagt, es gibt diese Erlebnisse, die dich verändern. Momente, die dich erden und deinen Blick auf das Leben neu ausrichten. In 2015 Metern Höhe zu stehen, in die Ferne zu blicken und zu sehen, dass man ganz allein diese Höhe bewältigt hat, ohne fremde Hilfe, gehört definitiv dazu.

In Norwegen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Zweitausender bestiegen. Die Strecke fing idyllisch an: Auf schmalen Wegen, manchmal aus Kies, dann wieder aus Sand, näherten wir uns dem Digerronden. Aber mit jedem zurückgelegtem Meter, der uns näher an den Fuß des Berges brachte, wirkte der Anstieg steiler. Fast anderthalb Stunden Fußmarsch hatten wir schon hinter uns, aber kaum Höhenmeter bezwungen.

Digerronden in NorwegenEr wird immer mein erster sein: der Digerronden in Norwegen.

Als bei rund 1400 Metern die ersten Mitglieder meiner Wandergruppe umkehrten, musste auch ich mich entscheiden. Die meisten derer, die sich entschlossen, weiterzugehen, waren gekommen, um den Berg zu bezwingen. Ich auch. Aber der Rest war trainierter, kräftiger, erfahrener. „Wer jetzt weitergeht, muss es bis zur Spitze schaffen“, hieß es. Es gab nur zwei Guides: Einer führte einen Teil der Gruppe hoch, der andere zurück ins Tal. „Katharina, du gehst mit hoch?“ Ich nickte. Und sah meiner Freundin dabei zu, wie sie sich an den Abstieg machte. Etwas neidisch, aber vor allem stolz.

Jetzt begann der schwierige Teil. Nicht nur wurde der Berg immer steiler, der Weg verschwand und machte beweglichen Steinplatten in allen Größen Platz. Ein falscher Tritt und der Boden rutschte mir unter den Füßen weg. Es ging längst nicht mehr nur um Ausdauer: Aus Wandern wurde Klettern, denn die Hände gaben zusätzliche Stabilität. So kam meine Gruppe zwar langsamer, aber sicherer vorwärts. In den nächsten zwei Stunden kehrten immer wieder dieselben Fragen zu mir zurück: Was passiert, wenn ich versage? Was passiert, wenn ich umkehren muss? Was, wenn „Ich will es schaffen.“ nicht ausreicht?

Es gab sehr viele Momente, in denen ich sicher war, dass ich es nicht packe. Die Kraft ließ nach, im Kopf bahnten sich unter der körperlichen Anstrengung Unsicherheit und Zweifel immer wieder ihren Weg an die Oberfläche. Und jedes Mal rettete mich nur ein Gedanke: „Dein Körper kann das, wenn dein Geist es zulässt.“

Als nur noch 50 Höhenmeter fehlten, wusste ich zum ersten Mal, dass ich den Berg besiegen würde. Die Spitze war nicht zu sehen, aber hinter der nächsten Kuppe musste sie liegen. Und plötzlich war da wieder genug Kraft. Und ich schob Unsicherheit und Zweifel ein letztes Mal beiseite.